„Es geht weiter!“
Jüdisches Leben in Deutschland heute: Es geht weiter!
Ergriffenes Zuhören, betroffene Stille, Mitgefühl und ein Bewusstsein für die eigene Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft schwingen in der Atmosphäre, als Judith Neuwald-Tasbach am warmen Sommerabend des 23. Juni vor über 60 Menschen im Foyer des Deutschen Schloss- und Beschlägemuseums die Geschichte ihrer Familie erzählt.
Ihre Großeltern waren alteingesessene Gelsekirchener. Der Großvater – Inhaber eines Bettengeschäfts, der einst voller Stolz seine Ware in der Rundhalle am Wildenbruchplatz ausstellte. Die Neuwalds hatten Ziele, Pläne, Träume – so wie wir sie heute auch haben.Dass sie schon wenige Jahre später mit zahlreichen anderen Gelsenkirchener Jüdinnen und Juden von den Nazis in derselben Rundhalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht werden, um in den Osten abtransportiert zu werden, entzog sich jeglicher Vorstellungskraft.
Menschenverachtende Erfahrungen
Nur 2 der 26 Familienmitglieder überlebten den Holocaust, darunter Kurt Neuwald – der Vater von Judith Neuwald-Tasbach. Mit einer ruhigen Stimme erzählt sie von den menschenverachtenden Erfahrungen, die ihre Verwandten machen mussten – vom Schweigen und Wegschauen der Freunde und Nachbarn, von zunehmender Ausgrenzung im Alltag, von Hunger und Kälte, von Erschießungskommandos durch junge Soldaten, die man unter anderen Umständen vielleicht in seinem eigenen Freundeskreis gehabt hätte und der Unmöglichkeit, jemals Abschied zu nehmen – für uns kaum vorstellbar und nicht zu begreifen, wie ein Mensch einem anderen so viel Leid antun kann.
Zwei Mal fällt der Satz „Ich hatte einen Befehl!“ – als Begründung der Täter für ihre Handlungen – derer, die erst Synagogen, Geschäfte und Wohnungen der Jüdinnen und Juden zerstörten und solcher, die Menschen systematisch ermordeten. Als ob man die Verantwortung für das eigene Handeln so einfach abgeben könnte!
Cornelia, die Zwangsarbeiterin aus der Gelsenkirchener Ölraffinerie
„DP“…die Abkürzung für „displaced person“ nimmt in den Ausführungen von NeuwaldTasbach einen besonderen Stellenwert ein. Sie zeugt von Entwurzelung und vom Verlust des eigenen Rückhalts – von allem, was uns das Gefühl gibt, irgendwo in dieser Welt einen Anker zu haben.
Vielen Jüdinnen und Juden erging es so – auch einer jungen Frau namens Cornelia, die als Zwangsarbeiterin in die Gelsenkirchener Ölraffinerie verschleppt, wie durch ein Wunder die zahlreichen Bombardements des Werks überlebt hatte, von einem mutigen deutschen Arzt von ihren Verletzungen gepflegt wurde und letztendlich in Gelsenkirchen blieb, weil sie keinen Ort mehr hatte, an den sie zurückkehren konnte. Cornelia traf hier später Kurt Neuwald und brachte 2 Mädchen zur Welt – Margitta und Judith.
Darüber nie geredetet…
Wann die Eltern ihr deren Geschichte erzählt hätten, fragt eine Veranstaltungsteilnehmende die Referentin. Sie hätten es nie getan, so NeuwaldTasbach. Die Mutter verstarb früh an den Folgen schwerster Arbeit in der Ölraffinerie. Und der Vater sprach kaum über seine Vergangenheit – zu schwer die Last der Erinnerungen, zu dunkel ihre Färbung, zu stark der Schmerz. Vielleicht sprach er aber auch deshalb nicht, weil er seinen Töchtern die Möglichkeit geben wollte, in einer friedvolleren Welt aufzuwachen, im Glauben an das Gute im Menschen, mit einem unbefleckten Heimatgefühl im Herzen. Vielleicht sprach er aus Liebe zu seinen Mädchen nicht – der Liebe, die seine Seele nicht verlernt hat zu empfinden, trotz tiefster Verletzungen, die ihr zugefügt wurden.
Judith Neuwald-Tasbach hat ihren Vater schon im Kindesalter dabei begleitet, wie er die Jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen wiederaufbaute und dafür sorgte, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder Einzug fand. Später übernahm sie selbst die Gemeindeleitung und ist heute immer noch Ehrenvorsitzende.
Aufgeschlossen und authentisch – im „Unruhestand“
Seit 3 Jahren im „Unruhestand“, beschreibt sie scherzhaft ihre aktuelle Situation. Aufgeschlossen und authentisch tritt sie vor Publikum und mit Menschen ins Gespräch. Ihre Absicht: Die Menschen wachzurütteln – dafür, dass Antisemitismus nicht nur „ein paar Juden im Land“ treffe, sondern eine immer präsenter werdende Gefahr für unsere Demokratie ist. Sie kämpft für ein Bewusstsein dafür, damit junge Menschen mit jüdischen Wurzeln sich nicht verstecken müssen, sich nicht fremd fühlen und ihre Identität frei leben können, wie es das Grundgesetz garantiert, so wie wir unsere leben. Sie kämpft dafür, damit wir es nicht verpassen, Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft als Gesellschaft zu übernehmen und zu handeln, bevor wir an dem Punkt ankommen, an dem das Gegensteuern nicht mehr möglich sein wird, bevor der „point of no return“ erreicht ist.
„Jüdisches Leben in Deutschland heute: Geht’s weiter?“ Auf diese Frage antwortet Neuwald-Tasbach mit einem klaren „Ja!“ und fügt hinzu: „Wir haben keine andere Wahl! Wir haben nur diesen einen Ort für ein friedliches Miteinander!“
„Wir sind zu still, wenn andere laut werden“
Um dieses pflegen zu könnten, hilft es, Begegnungen zu intensivieren, Veranstaltungen zu organisieren und bei antisemitischen Äußerungen und Handlungen jedweder Art konsequent aktiv zu sein – nicht wegzuschauen, nicht hinzunehmen, nicht zu schweigen.
„Wir sind zu still, wenn andere laut werden!“, bringt es eine Veranstaltungsteilnehmerin mit Blick auf die aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen auf den Punkt…
Die Anwesenden werden herzlich eingeladen, an den künftigen Aktionen des Velberter Bündnisses „Aktiv gegen Antisemitismus“ teilzunehmen und sich darin mitzuengagieren.
Kontakt: info@aktiv-gegen-antisemitismus.net.
verfasst von: Helena Latz, Mitglied des Velberter Bündnisses „Aktiv gegen Antisemitismus“

Judith Neuwald-Tasbach, Gisbert Punsmann (Bündnissprecher)
Fotos: Frank Uphoff
